Dienstag, 13. Juni 2017

I'm me again

Nach 3 Jahren fühle ich mich endlich wieder wie ich. Die Krebstherapie hatte meinen Körper ziemlich verändert. Da war die Gewichtszunahme durch Wassereinlagerungen aufgrund des Kortisons (das ich wegen Allergie auf die Chemo reichlich brauchte. Und, übrigens, danke Kortison, ohne dich wär's gar nicht gegangen <3). Die Gewichtszunahme durch den durch das Medikament gesteigerten Appetit, auch die Schwangerschaft, das alles hat mit meinem Körper Dinge gemacht, die dazu führten, dass ich mich nicht wie ich fühlte. Mehr so wie im Körper einer anderen. Weil, hallo? Habe ich etwa einen Stiernacken? Ja, ich hatte einen, aber der konnte doch unmöglich zu mir gehören! Und auch die Fussel auf dem Kopf, die nach der Chemo wuchsen sahen mehr so nach Meerschweinchen aus als nach Heike. Danach: Kurzhaarfrisur? Iiiich? Alles höchst seltsam. Aber jetzt! Jetzt bin ich wieder ich und sehe auch so aus und das ist ziemlich gut.

Heute morgen. Schon toll, dass man nach der ganzen Badprozedur und Make-up und so immer noch aussehen kann, als käme man grade direkt aus dem Bett. Wer hat das eigentlich erfunden, hm?





Sonntag, 8. Januar 2017

Bella Germania

Eine deutsch-italienische Familiengeschichte über drei Generationen - sehr spannend und gut recherchiert. Der Stil total schnörkellos, als wäre Sprache nur Mittel zum Zweck. Das hat mich irritiert, bis zur letzten Seite. Dann las ich, dass der Autor, Daniel Speck, sonst Drehbücher schreibt und das erklärt auch, weshalb er es so gut schafft, Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Ein gutes Buch mit einem wichtigen Stück deutsch-italienischer Geschichte, das sich quasi am Stück weglesen lässt. Aber wer von Sprache verzaubert werden möchte, bleibt enttäuscht. Hier verzaubert die Geschichte, der Inhalt und die Bilder, die dabei entstehen.


Samstag, 16. April 2016

Die Löffeltheorie

Als ich letztes Wochenende nach Köln fuhr, war das auch eine Reise aus meinem Paralleluniversum heraus. Wie ich sonst so jeden Tag herumlebe, merke ich ja gar nicht mehr, dass mein Leben gar kein normales ist. Mit anderen Leben dort in Köln konfrontiert, wurde es plötzlich wieder sichtbar: ich habe einfach weniger Löffel als gesunde Menschen. 
Es gibt nämlich eine ganz wunderbare Theorie, die Spoon Theory, mit der eine an Lupus Erkrankte ihrer Freundin erklärt, wie es ist, krank zu sein. Es lohnt sich, den Artikel im Original zu lesen, aber für hier und jetzt fasse ich es euch kurz zusammen: die Analogie entstand im Café, da lagen Löffel, aber eben nur eine begrenzte Zahl. Um das Leben einer Kranken zu verstehen, muss man sich der begrenzten Anzahl der Löffel sehr bewusst sein. Für jeden Löffel kann man eine Aktivität einplanen und wenn die Löffel alle weg sind, aber der Tag noch nicht zu Ende, ist das ziemlich doof, weil der Kranke dann keine Energie mehr hat. Das passiert mir oft. Zum Glück habe ich diesen wundervollen Mann, der mich regelmäßig rettet, indem er den Abendessenstisch abräumt und die Kinder ins Bett bringt, während ich nur mehr platt rumliege. Wichtig zu wissen ist, dass jegliche Aktivität Löffel "kostet", also aufstehen (1Löffel), anziehen (1Löffel), Frühstück machen (1 Löffel). Schon drei Löffel weg, da hat der Tag kaum begonnen. 




In Köln haben wir vormittags diese wunderbare Buchhandlung besucht und dort endlich mal wieder den Alten Griesgram getroffen. Um eins fing ich an zu quengeln und durfte heim, um Mittagspause zu machen. Eigentlich wäre ich gerne noch zur Stadtbücherei gegangen, um zu gucken, ob Mrs. Bing fleißig arbeitet, aber ich war einfach platt. Später, viel später sind wir noch durch die Flora spaziert und haben ziemlich leckeres Eis gegessen. Auf dem Heimweg trafen wir mir bis dato unbekannte, sehr nette Verlagskollegen, die fragten, was wir heute noch so machten (sie waren noch auf einer Party eingeladen) und ich dachte nur so: wie? Ich hab doch heute schon zwei Sachen gemacht! Das reicht doch wohl! 
Viele aus meiner Umgebung wissen das erst mal nicht, wie wenig Energie ich habe, weil man es mir nicht ansieht - ich sehe nicht krank aus. Aber die Chemotherapie macht auf Jahre schlapp und ich kann nur vermuten, dass die Doppelbelastung mit der Schwangerschaft ihr Übriges tat. Genauso haut das per se anstrengende Leben mit Kleinkind zusätzlich rein. Das ist nicht schlimm. Ich lebe gut damit, nur wollte ich es euch mal erzählen.

P.S.: ein Hoch auf meine Gastgeberin, die mir immer Raum für Pausen eingeräumt, mich toll umsorgt hat und mir nie das Gefühl gab, ein bisschen langweilig zu sein mit meinem erhöhten Ruhebedürfnis <3

Leben und Tod treffen sich zur Mammographie

Ich habe Alpträume, in denen mir meine Ärztin an der Uniklinik sagt, es sei ein tödlicher Fehler gewesen, dass ich nicht sofort zu ihr gekommen bin. Ich atme tief in den Bauch. 
Ich spüre Knoten in der Brust und hoffe, dass es nur der Lymphstau ist. Schnell zur Lymphdrainage. Atmen.
Bei der Meditation erspüre ich Verkrampfungen und Verspannungen im Bereich der Brust. Das Atmen tut weh und ich kann die Gedanken nicht abschütteln. 
Mein Mann sagt, ich sei sehr weit weg. 

Kurz: es ist Zeit für den etwas gründlicheren Halbjahrescheck-up der Brust und ich habe Angst. 
Noch fünf Tage durchhalten und dabei nicht durchdrehen. 
Das ist der einzige wirkliche Nachteil an meinem Schicksal, dass mir sonst so viel Gutes gebracht hat - das Leben mit der Todesangst.

Mittwoch, 16. März 2016

Kopftuch

Letztes und vorletztes Jahr habe ich wegen kalt am Kopf aufgrund des chemobedingten Haarverlusts gerne Kopfbedeckungen getragen. Meist ein Bandana-Tuch und darüber ne Beanie. Das sah zum Teil sehr Muslima-mäßig aus. Interessant war, dass Leute plötzlich anders auf mich reagierten. Sie grüßten nicht mehr und guckten so komisch. Argwöhnisch. Teils wurde ich auch komplett ignoriert.
Gerade eben sah ich wieder jemanden mit Kopftuch und merkte, dass mir das seither nicht so recht aus dem Kopf will, wie anders "wir" jemandem begegnen, nur weil er ein Kopftuch trägt. Weniger offen, weniger freundlich. Da gibt es Menschen bei uns, die verlangen, dass man in Deutschland kein Kopftuch tragen dürfen soll, wegen weil "unsere Kultur" und "alle gleich" und so. Und gerade dann ist es doch verwunderlich, wenn eben diese unsere Kultur, nämlich z.B. die Gepflogenheit, sich zu grüßen,  plötzlich vergessen wird, sobald jemand ein Kopftuch trägt. Von "uns" vergessen wird.



Vielleicht mache ich das mal wieder: ein Kopftuch tragen. Um zu sehen, ob sich etwas im Umgang mit Kopftuchträgerinnen geändert hat. Ein bisschen auch, um die Leute in ihrer Vorurteilerei zu verwirren. Und ganz vielleicht den ein oder anderen Gedanken anzustoßen. Denn der Anteil an Kopftüchern in unserer Gesellschaft steigt und wir lernen besser, damit umzugehen. D.h., die Kopftuchdamen nicht zu ignorieren, ihnen offen und freundlich begegnen, wie anderen eben auch. Das wünsche ich mir.

Mittwoch, 24. Februar 2016

Wir scheißen die Welt zu mit Freundlichkeit!

Ganz unabhängig von den neuerlich in Deutschland aufblitzenden Inseln des Hasses ist mir Freundlichkeit ein Anliegen. Andere grüßen und anlächeln, zurück gegrüßt und angelächelt werden, anderen den Vortritt lassen oder selbst vorgelassen werden, ein freundliches Wort, eine kleine Geste des gegenseitigen Anerkennens, Respektierens, sich wechselseitig gelten Lassens - das macht unseren Tag hell, das hilft so viel!



Klar kann man nicht immer fröhlich sein, manchmal ist man in Gedanken oder missgelaunt, aber vielleicht könnten wir es schaffen, an 90 % der Tage freundlich zu uns und anderen zu sein? Ich denke dabei nicht nur an Leute aus der Mitte der Gesellschaft (denen Freundlichkeit sicher auch gut tut), sondern v.a. an jene, die unserer Freundlichkeit ganz besonders bedürfen: psychisch Kranke, z.B. Depressive oder Leute mit Angststörung, die für sich nicht mehr wissen, ob sie einen Platz auf der Welt haben. Wie gut tut es da, vom anderen gespiegelt zu bekommen, dass es schön ist, da zu sein. Mit einer Geste, einem freundlichen Wort willkommen geheißen zu werden. 
Oder die vielen einsamen Menschen, v.a. Alte. Nicht alle sind gut sozial vernetzt und integriert. Manche machen einen regelrecht ausgehungerten Eindruck in Bezug auf Freundlichkeit und Zuwendung. Wie wenig kostet es mich, einem anderen den Tag zu versüßen, mit einem kleinen Gespräch, etwas Wegbegleitung. Wie schön können wir uns gegenseitig den Tag machen! 
Mir hat mal jemand gesagt, Freundlichkeit sei sein Motor. Ich bin mir sicher, in gewissem Maße ist das bei uns allen der Fall. 

Die fremdenfeindlichen Vorfälle, die sich gerade häufen, verleihen meinem Anliegen eine ganz neue Dringlichkeit. Ich will nicht untätig rumsitzen und zusehen, wie sich Geschichte wiederholt. Ich glaube aber auch nicht, dass Gegenhass hilft. Was macht ein Mensch, wenn er zornig, hasserfüllt und gewaltbereit ist und ihm dasselbe Verhalten entgegenschlägt? Wird er dann plötzlich friedlich? Eher nicht. Wahrscheinlicher ist, dass sich Hass und Gegenhass gegenseitig hochschaukeln. Eine Spirale der Gewalt, eine pure Frage dessen, wer der Stärkere ist. Der Abgesang auf die Zivilisation. Das will ich nicht. 
Hinzu kommt, dass ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass Menschen, die geliebt werden, die zufrieden sind und akzeptiert, so hasserfüllt sein können, wie jene Menschen, die Kriegsflüchtlinge mit Naziparolen empfangen und deren Unterkünfte anzünden. Wenn der wütende Mob aus zu kurz Gekommenen besteht, dann ist es umso wichtiger, dass es keine zu kurz Gekommenen gibt. Dass alle ihr Stückchen Freundlichkeit bekommen und ihren Platz in der Welt. Und für die ewig miesepetrigen Falschversteher: Straftaten müssen trotzdem geahndet werden, aber das ist Aufgabe der Polizei. Unsere Aufgabe ist es, miteinander menschlich, höflich und zuvorkommend umzugehen, so, dass jeder sich willkommen fühlen kann. Jedenfalls ist es das, was ich gerne machen möchte. Macht jemand mit? Wir scheißen die Welt zu mit Freundlichkeit! 
P.S.: der wunderbare Nebeneffekt ist ja, dass es mir selbst ein gutes Gefühl gibt, wenn ich anderen Gutes tue. Es lohnt sich also!
P.P.S.: leider wiegen negative Erlebnisse immer schwerer als positive. Wir müssen also ungefähr sieben  Mal so freundlich sein, wie die anderen scheiße sind. Das schaffen wir, oder?

Donnerstag, 28. Januar 2016

Was für ein tolles Buch!

Da stehen Sätze, die möchte man sich auf ein Kissen sticken: "Wenn ich mich in meinem Alter noch über Menschen wundern würde, käme ich nicht mal mehr zum Zähneputzen." Oder: "Wenn du Glück hast, wirst du halbwegs erwachsen, wenn du alt bist."
Und dann sind es auch die vielen Sätze, die nicht da stehen, die das Buch zu etwas Besonderem machen. Ich glaube, ich habe durch das Buch etwas über Heimat verstanden, oder zumindest Stoff zum darüber nachdenken bekommen. Was ist Heimat? Und was passiert, wenn sie, wie im Raum Tschernobyl, unbewohnbar wird. 



Es geht um die Leute, die nach dem Unglück zurückgekehrt sind in ihre Dörfer. Es gibt sie nicht nur im Roman. (Hier gibt es übrigens eine interessante Bilderstrecke dazu: http://www.n-tv.de/mediathek/bilderserien/panorama/Die-verlorenen-Orte-um-Tschernobyl-article3065246.html)
Das Buch hat eine Leichtigkeit, die man angesichts des Themas nicht vermuten würde. Und das ist gut so. Den Rest dürft ihr selbst lesen, auch wenn ich mir furchtbar auf die Zunge beißen muss, um nichts von dem M... zu verraten und der einzigartigen Protagonistin. Viel Spaß beim Lesen von
Alina Bronsky: Baba Dunjas letzte Liebe. Verlag Kiepenheuer und Witsch, 2015.