Samstag, 24. Mai 2014

Mut ist, wenn man auch weglaufen könnte

Eine Blogparade zum Thema Mut, die #Mutmachparade, ins Leben gerufen von Johannes Korten, der mich seit einiger Zeit liebevoll auf Twitter begleitet, ist eine gute Gelegenheit den Dornröschenschlaf dieses Blogs zu unterbrechen. 
Ein gutes Thema zur richtigen Zeit, wenn man betrachtet, wie viele Handlungsmöglichkeiten wir meist haben. Leichte, bequeme Wege ohne, oder mit wenig Steinen können wir meist ebenso gehen wie den riskanten, mutigen.

Mir wurde in letzter Zeit oft gesagt, ich sei mutig. Ich bin unsicher, ob es wirklich mutig ist, einen Weg zu gehen, der alternativlos ist. Ich habe nicht so richtig viel Wahl, außer zu versuchen, gesund zu werden. Klar ist mir mulmig zumute, wenn ich an den nächsten Chemotermin denke. Weil ich inzwischen weiß, wie schlecht es mir danach geht, mit dem Zellgift im Körper. Klar würde ich dem gerne ausweichen, schließlich gehören die beiden Tage, an denen ich die letzten beiden Chemos bekommen habe, mit zu den schlimmsten meines Lebens. Und es ist in gewisser Weise pervers, freiwillig zu diesen Terminen zu gehen. Aber alternativlos, weil ich besonders während der Schwangerschaft keine Experimente machen möchte, sondern den best erforschten und aussichtsreichsten Weg gehen, um gesund zu werden und ein gesundes Kind zu bekommen. 


Mutig wurde ich genannt, weil ich mich nicht zu einer Abtreibung habe überreden lassen. Mir ist klar, dass Diagnose- und Therapiemöglichkeiten in der Schwangerschaft eingeschränkt sind. Meine Entscheidung für das Kind kann, wenn es sehr blöd läuft, auf meine Kosten blöd ausgehen. Dafür gibt es aber keine Anzeichen. Im Idealfall werden die notwendigen Diagnosen und Therapien nach der Geburt nachgeholt. Es ist auf diese Weise ein längerer Weg. Aber er fühlt sich richtig an. Wie ungerecht wäre es, dieses kleine, schutzlose Wesen für meine Gesundheit bezahlen zu lassen? Das kann ich nicht. Es ist ja nicht irgendein Wesen, sondern mein eigenes Kind. Es ist einfach nicht mein Weg. Ist das dann mutig?

Mut ist, finde ich, wenn man auch weglaufen könnte. Mutig ist der Mann an meiner Seite, der jede Sekunde ohne zu zögern an meiner Seite steht. Der es so viel einfacher haben könnte, aber statt dessen lieber eine Frau mit Krebs heiratet. Der einen schwierigen Weg geht, weil er nicht nur bei allen wichtigen Krankenhaus- und Arztterminen bei mir ist, sondern auch alles auffängt, was ich in Haushalt und Kindererziehung gerade nicht leisten kann (und es oft besser macht als ich). Der es auf bewundernswerte Weise schafft, seinen Job trotzdem zu machen. Er hat seine Prioritäten klar auf der Reihe und stützt mich, wie es kein anderer vermocht hätte. Er gibt mir sogar das Gefühl, trotz ausgefallener Haare, Narben, Alienaccessoires und dickem Bauch für ihn schön und begehrenswert zu sein. 

Hat Mut vielleicht mit Liebe zu tun? Oder sind es grundsätzlich die anderen, die mutig sind? 
Was meint ihr?

Kommentare:

  1. Mut ist, wenn man auch weglaufen könnte. Da hast du sicher Recht. Aber das wäre auch nicht sein Weg gewesen! Dein Mann liebt dich wie du bist, weil DU es bist. Da kommts auf die "Verpackung" nicht an.
    Auch du hättest weglaufen können, nicht im Wortsinn natürlich, aber emotional. Dir deine Krankheit nicht eingestehen, sie verheimlichen, solche Dinge. Machst du aber nicht. Weil du eben auch mutig bist!
    Und ich bin sicher auch damit hast du Recht: Mut hat mit Liebe zu tun. Nur wer geliebt wird hat die Kraft mutig zu sein. Also will ich dir mal noch ne Priese Mut rüberschickt. HAB DICH LIEB! Deine Meli

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    1. Menschen wie du, liebe Meli, machen es einfach, mutig zu sein. Menschen, die zu einem stehen, einen unterstützen, in schweren Zeiten einfach noch mal ne Schippe gezeigter Zuneigung drauf legen, den Weg teilen. Danke dir dafür! <3

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  2. Ich finde euch beide mutig! Dich und deinen Mann!

    Irgendwo liegt es wohl in der Natur der Sache, Mut und Heldentum bei anderen zu sehen, aber nicht bei sich selbst. Und deshalb ist es wichtig, dass die anderen sagen, was sie sehen. Damit das Universum wieder im Gleichgewicht ist ;)

    Es gehört definitiv Mut dazu, offen mit seiner Krankheit umzugehen in einer Kultur, in der Krankheit immer noch als Schwäche angesehen wird. Ohne Krankheiten vergleichen zu wollen, ich hatte den Mut nicht. Auf Twitter konnte ich verfolgen, wie schwer es dir offensichtlich gefallen ist, dich von deinen langen Haaren trennen zu müssen. Und trotzdem hast du einen Ava, bei dem sofort offensichtlich wird, was mit dir los ist. Und nichts von dem, was du schreibst, wirkt irgendwie Mitleid heischend. Und so wäre vielleicht auch anderes, was dir alternativlos scheint, für einen anderen Menschen eine Option gewesen.

    Vielleicht ist es für deinen Mann genauso alternativlos, zu dir und zu eurem Kind zu stehen. Vielleicht kommt es ihm überhaupt nicht in den Sinn, den vermeintlich leichteren Weg zu gehen, den du als Option zu sehen scheinst. Mir ging es jedenfalls so, auch wenn ich hier wiederum Krankheit und Situation nicht vergleichen möchte. Die Alternative, jemanden im Stich zu lassen, den man liebt, gab es einfach nicht.

    "Liebe wird aus Mut gemacht", hat Nena mal irgendwie irgendwo irgendwann gesungen. Deshalb seid ihr beide mutig!

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    1. Danke für deinen schönen, liebevollen Kommentar. Es tut gut, so eine Rückmeldung zu bekommen. Ja, es ist mir schwer gefallen, das mit den Haaren. Albern, sich an so Äußerlichkeiten aufzuhängen, gell? Mein zweiter Kryptonit ist übrigens, dass ich nicht stillen können werde. Hoffentlich schaffe ich es auch mit diesem Thema nicht, dich oder andere auf Twitter zu vergraulen...

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    2. Ne, das ist nicht albern. Wenn sich der Körper gegen den eigenen Willen verändert, dann finden das die wenigsten Menschen besonders witzig.

      Und glücklicherweise werden meine durchaus vorhandenen Fluchtreflexe eher durch menschliche Dummheit denn durch Schicksale getriggert :)

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  3. Das sind Gedanken und Überlegungen, die auch mir vertraut sind. Ja, zu lieben macht mutig, insofern hat Mut auch mit Liebe zu tun und Liebe mit Mut. Aber glücklicherweise ist Mut nicht quantifizierbar, nicht vergleichbar. Des Einen feige Flucht ist möglicherweise des Anderen mutigste Entscheidung. Wer weiß das schon. Was ich aber glaube ist, dass Mut vom Leben belohnt wird, und dass ihr beide mutig seid.

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  4. wie auch immer werde bitte gesund, mach es auf deine weise und bewahre dir die richtigen freunde.

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  5. Liebe Heike,

    der Versuch, dazu etwas zu sagen ;-)

    Mut ist nur Mut, wenn man auch weglaufen könnte? Da ist was dran - man könnte natürlich den ungefährlicheren, womöglich einfacheren Weg gehen. Doch allein schon die Wahrnehmung der Alternativen ist sehr unterschiedlich: Als Betroffene - Innensicht - kommen manche schlicht nicht in Frage (z.b. ein "Nein" zu deinem ungeborenen Kind). Für die Umstehenden - Außensicht - erscheint das aber durchaus als potenzielle Möglichkeit. Sie empfinden dich daher als mutig, weil du den aus ihrer Sicht schwereren Weg wählst. Diesen Wechsel von der Innen- zur Außensicht machst du, wenn du deinen Mann als mutig bezeichnest: Aus deiner Sicht hätte er Alternativen. Aber im Ernst - hat er die? Bzw. meinst du wirklich, er würde sie nutzen, so wie du die Option auf eine Abtreibung gehabt hättest?! Nienicht. Er liebt dich. Für ihn ist der Weg an deiner Seite alternativlos - so wie dein "Ja" zum Kind. Es ist wunderbar, dass ihr euch habt.

    Doch auch bei alternativlosen Wegen braucht man Mut - und die Basis dazu, innere Kraft. Denn es bleibt immer noch die Frage, ob man diesen Weg erhobenen oder gesenkten Kopfes geht, offensiv oder resigniert. Und da beweist du mit deiner Offenheit sehr viel Mut - du könntest dich auch einigeln, Begegnungen vermeiden, die dich verletzen, weil andere über dich statt mit dir reden, Ängste und Schwäche, die schlicht dazu gehören, verleugnen - vor dir, vor anderen. Doch du stehst dazu. Das ist Mut pur, auch wenn du selbst - siehe Innensicht ;-) - es anders siehst. Dazu brauchst du viel Kraft, und die ist manchmal knapp, wird vielleicht noch knapper werden. Dann brauchst du den Mut, dir und anderen das einzugestehen, auf Hilfe zu vertrauen, darum zu bitten oder sie regelrecht einzufordern.

    Du hast an anderer Stelle mal geschrieben (in etwa), die Gratwanderung, was du uns auf Twitter zumuten kannst und was als Therapie einfach raus muss. Ich habe damals nicht darauf reagiert, ich tue es hier: Du bist nicht in der Verantwortung, dir zu überlegen, was du uns zumuten kannst. Das musst du schon tagtäglich zuhause, gerade auch gegenüber deiner Familie, die viel unmittelbarer betroffen ist. Wer es von uns nicht aushält, das zu lesen, kann Pause machen oder ganz aussteigen. Wir haben die Wahl. Und selbst wenn es manche von uns vielleicht einmal nicht mehr aushalten, dann sind wir doch immer noch genug, die es irgendwie schaffen werden, dich zu halten, dir beizustehen, dir zuzuhören, dich virtuell in den Arm zu nehmen. Vergeude keine Kraft dafür, dich ausgerechnet hier zusammenzureißen - die brauchst du woanders mehr.

    Drück' dich ganz fest,
    Antje

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  6. Ach Heike, natürlich hat Mut etwas mit Liebe zu tun, Liebe zu sich, zum Leben und zu anderen. Ohne Liebe gäbe es auch keinen Mut. Und um Liebe anzunehmen und zu geben, braucht es auch Mut. Und den habt ihr alle.
    (Zweifel hat auch jeder einmal, die gehören dazu - ud am schönsten ist es, wenn Du hinterher sagen kannst, ich habe es geschafft. Diese zweifel gibt es nicht mehr.)
    Alles Liebe
    Su

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  7. Doch. Es braucht Mut, auch wenn Du das Gegenteil behauptest. Ich stand fast am selben Ort wie du, nur viel einfacher, weil man einen Hautkrebs einfach rausschneiden kann und dann ist es weg. Aber die Scheissangst ist auch fünf Jahre später noch da. Und mit der Scheissangst würde man sich am liebsten allein in ein Loch verkriechen und warten, bis es vorbei ist. Sich hinzustellen und dem Krebs die Stirn zu bieten, wie Du es tust, ist ein Kraftakt sondergleichen.
    Unbekannterweise alles Gute, viel Kraft und Zuversicht!

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  8. Mut und Liebe zu sich selbst und zu den Menschen die uns so nah stehen. Wenn es einen Preis für Mut geben sollte, dann hast Du Ihn verdient für deine Entscheidung zu Deinem Kind und für den schwierigen Weg den Du dafür aufnimmst ... es ist eine Entscheidung für das Leben und die Liebe.
    Mit aller der Kraft, Liebe und den Mut drücke ich Dich ganz fest.
    Dani

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  9. Mut bedeutet für jeden etwas anderes.
    Und du bist definitv mutig!
    Steffi

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  10. »Hat Mut vielleicht mit Liebe zu tun? Oder sind es grundsätzlich die anderen, die mutig sind?«

    Liebe Heike!

    Mut aufzubringen bedeutet ja an für sich schon, dem eigenen Verstand zu widersprechen. Der sagt: »Weglaufen! In Sicherheit bringen. Und zwar sofort!« oder »Erst mal in Deckung gehen…«. Da spielt Überlebenswille eine große Rolle und die Suche nach einem ungestörten Rückzugsort.

    Bestimmt sind Dir nach Eröffnung der Diagnose solcherart Gedanken durch den Kopf gegangen. Du hattest ja durchaus die Wahl, zur Verbesserung Deiner Heilungschancen sogleich das gesamte Programm bekannter Therapien einzuleiten. Bestimmt hätte ein Jeder es nachvollziehen können, wenn Du dabei Dein eigenes Wohl über das des ungeborenen Kindes gestellt hättest, zumal die meisten – ich eingeschlossen – sich wohl gar nicht hätten vorstellen können, dass Schwangerschaft und Chemotherapie überhaupt miteinander vereinbar sein sollen.

    Du hast Dich für das Kind und damit für das Verschleppungsrisiko entschieden – entgegen dem instinktiven wie auch vernünftigen Selbsterhaltungstrieb.

    Du hattest auch die Wahl, nur mit dem engen Kreis Deiner Freunde und Verwandten über die Krankheit zu reden und Dich nicht im weiten Netz dahingehend zu outen. Auch das wäre nachvollziehbar und damit erstmal »normal« gewesen.

    Du hast Dich dagegen entschieden, einen Kokon von Privatsphäre um Dich zu spinnen, was Dir ebenfalls niemand hätte übel nehmen können. So lässt Du uns teilhaben an Deinen Gedanken, Gefühlen und den Erfahrungen, die diese wahrlich nicht alltägliche Lebenssituation mit sich bringt.

    Mut ist für mich also die ganz eigene Entscheidung GEGEN den einfachen und FÜR einen Weg, der ein höheres Ziel anstrebt als reine Existenzsicherung:
    FÜR das Kind, das so mit einem riesigen Schwung Deiner Liebe auf diese Welt geboren wird, das es fast zu beneiden ist. Ich wünsche ihm, bzw. ihr, dass dieses Gefühl all die negativen, traurigen und schmerzvollen Momente während dieser Zeit mehr als wett macht!
    Und Du entscheidest Dich FÜR das Teilen dieser Deiner Lebenserfahrung mit vielen auch unbekannten Menschen, die sich damit vielleicht erstmals wirklich mit der Realität von Krebs intensiv auseinandersetzen, die diese brutale Erfahrung der eigenen Endlichkeit jetzt ganz konkret mit Deiner bestimmt von Vielen hoch geschätzten Person verbinden können.

    Ja, nach dieser gedanklich Auseinandersetzung komme ich zu dem Schluss, dass Mut mit Liebe zu tun haben muss. Denn Liebe ist das Element im Menschlichen, das uns über unser Eigenwohl erhebt und uns die Welt in einem viel größeren Bild zeigt als die reine Vernunft.

    Ich wünsche Dir und Deinem Mann und dem Schnipselchen viel viel Kraft in den kommenden Wochen und Monaten.

    Ich finde, Ihr macht alles genau richtig! Ihr alle habt meinen allergrößten Respekt.

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    1. Lieber Jochen, ich weiß nicht, ob ich diese deine Wertschätzung in allen Belangen wirklich so verdient habe, aber eins weiß ich sicher: deine Worte tun mir saugut! Danke dafür!

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  11. Ich finde dich großartig und auch mutig! Mutig deswegen, weil du diesen einen deinen Weg gehst. Weil du so genau weißt, dass es dein Weg ist - das Kind zu behalten. Entscheidungen zu treffen bedeutet Bewusstsein für sich und seine Umgebung. Und das bedeutet viel Mut. Ich wünsche dir, deinem Kind und deinem Mann alles Gute.

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  12. Dein Beitrag hat mich sehr berührt, ich wünsche dir alles Gute! Vertrau auf dein Bauchgefühl, deine Engel werden dich beschützen.
    Liebe Grüße von Kirsten

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  13. Toller Beitrag <3 und der Blogtitel ist der schönste Aauspruch den ich seit Ewigkeiten gelesen habe <3

    LG und wenn du willst kannst du ja mal meinen Beitrag zu dem Thema Mut lesen

    http://vonundzuskywalker.blogspot.de/2014/06/zur-mutmachparade-leben-schenken.html

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    1. Gefällt mir sehr gut, dein Blogbeitrag, danke für den Hinweis. Wenn das nicht mutig ist, weiß ich auch nicht.... Hut ab vor dir!

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  14. Was ein Beitrag! Ich bin ab nun einer deiner Fans und wünsche dir alles erdenklich Gute! Wahnsinn!

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  15. Ein berührender und Mut machender Artikel!
    Ich bin durch den Satz "Hat Mut vielleicht mit Liebe zu tun?" darauf gestoßen, den Johannes Korten heute in seinem Blog zitiert hat. Und spürte sofort den Wunsch "Ja, unbedingt! :) " auszurufen.
    Mir ist das mal in einer Reha-Klinik begegnet, als eine Mitpatientin von einer Therapeutin gefragt wurde: "Wissen Sie, was das Gegenteil von Angst ist?" (...) "Liebe. Liebe ist das Gegenteil von Angst."
    Alles Gute und weiter viel Mut! :)

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