Donnerstag, 12. November 2015

Sport ist international

Normalerweise halte ich mich ja raus. Alltagsbewältigung ist was feines und viel mehr geht halt noch nicht. Es ist immerhin schon ein Erfolg für mich, was alles wieder dazu gehört zu diesem Alltag: außer Haushalt und Kinder ist da ja seit September wieder ein Stück Job, das erledigt werden will (und mir großen Spaß macht). Abends, das ist dann wohl der Preis für soviel Alltag, bin ich platt und allzu oft muss der Mann die Kinder allein ins Bett bringen. Ich bin raus. Am Ende. Soviel zu meinen Grenzen, an die ich täglich komme. Dadurch fallen gewisse Dinge von vornherein raus: Vereinsarbeit in der Flüchtlingshilfe oder regelmäßiges Engagement? Ich bin sehr dankbar für jeden einzelnen von euch, der das machen kann und macht. Ich kann's nicht. 
Aber dann war da die Geschichte, die ich auf Facebook las. Vor einigen Monaten, als die große Flüchtlingswelle gerade so bei uns angekommen war. Es war warm und die Erstaufnahmelager heillos überfordert. Da hatte jemand ein paar Badehosen organisiert und Handtücher und ein oder zwei Kinderwägen und hat mit einigen der Leute aus dem Aufnahmelager einen Ausflug gemacht, an irgendeinen See. So einfach. So hilfreich. Ein guter Tag für die Flüchtlinge, inmitten von ganz viel entsetzlichem und grässlichen und stupider Warterei. Und das ist mir seither nicht mehr aus dem Kopf gegangen. 
Denn das ist etwas, das ich auch kann, was viele von uns, sind sie auch noch so eingespannt, können:  einen Nachmittag "opfern" (es ist kein wirkliches Opfer, sondern eine Bereicherung). Und zweitens: es kann so einfach sein. Man muss sich nicht tagelang reinknien, sondern sich nur etwas überlegen, das man gerne tun würde. Vielleicht etwas, das man ohnehin tut und bei dem man einfach ein paar Leute dazu einladen möchte. Einfach hingehen und fragen. 
Aber da ist diese Hemmschwelle. Ich war ziemlich aufgeregt, bevor wir zu den Flüchtlingen gegangen sind. Auch da kann man sich Hilfe holen und so habe ich meine Aktion einer Frau vorgestellt, die schon ein Jahr lang Flüchtlingsarbeit macht. Zack! Hatte sie ein paar Begleitpersonen für mich organisiert und sogar einen Syrer dazu geholt, der schon länger da ist, gut deutsch spricht und das Wichtigste übersetzen konnte. Ich hätte das auch allein durchgezogen, aber es war schöner und ich war gelassener durch die Begleitung.
So haben wir letzten Samstag das Containerdorf bei uns am Ort besucht und gefragt, ob jemand Lust hat, am nächsten Tag mit zum Handballspiel zu kommen. Handball ist meist ein recht kurzweiliges, weil torreiches Spiel, dazu gibt's Kaffee und Kuchen zu vernünftigen Preisen und die Leute, die ich bisher dort kennen gelernt habe, sind furchtbar nett. Zudem ist die Halle in Laufweite des Dosendorfs. Die Männer wohnen dort zu dritt in einem Container und, soweit ich das verstanden habe, gibt es keinen Gemeinschaftsraum, abgesehen von Küche, Bad und Waschraum. Die Container stehen zwischen Industriegebiet und Äckern, es gibt schönere Orte.
Die meisten der Männer dort haben vermutlich nicht recht verstanden, was wir von ihnen wollen und haben irgendwas zwischen Boule und Basketball erwartet (es können Rückschlüsse auf meine pantomimische Darstellung des Ballwurfs beim Handball gezogen werden) - aber eine paar Handvoll meist junger Männer sind doch mitgegangen am anderen Tag. Da wurde dann kurz geklärt, welches "unsere" Mannschaft ist, die dann entsprechend beklatscht und bejubelt wurde. Nett war ja, dass die Handballmanschaft am Abend vorher noch beschlossen hat, Getränke und Bretzeln für die Flüchtlinge aus der Mannschaftskasse zu bezahlen. Noch ne schöne Erkenntnis: wenn man Initiative zeigt, machen andere gerne mit.
Der absolute Knaller war allerdings unsere kleine Tochter. Ein Türöffner im Flüchtlingsdorf und das fröhlichste Kind beim Handballspiel, weil sich jeder der syrischen, irakischen oder nigerianischen Männer mit ihr abgegeben hat, mit ihr Quatsch gemacht hat und sie gehätschelt hat. Aber auf feine und rücksichtsvolle, nicht übergriffige Weise. Meine sonst so stark fremdelnde Tochter - ich habe sie an diesem Nachmittag oft nur aus einiger Entfernung gesehen. Auf den Armen oder Schultern eines der Männer, der genausowenig ihre Sprache spricht, wie ich (ich glaube, das, was sie spricht, heißt Babygibberish und ich suche noch dringend einen Übersetzer).
Natürlich hat mich die Aktion ziemlich angestrengt. Natürlich sind die Geschichten, die diese Leute mitbringen, extrem hart und kaum auszuhalten. Und doch waren wir an diesem Abend wie beflügelt. Und jetzt, wo der Kontakt einmal da ist, ist es, abgesehen von den Verständigungsproblemen, auch einfacher. Einige haben, als wir beim Spiel waren, nach anderen Sportarten gefragt: Fußball vor allem und schwimmen. Mein Mann hat gesagt, sie sollen selbst im Containerdorf rumfragen, wer Fußball spielen möchte, aber noch Schuhe braucht und drei Tage später haben wir hier eine Liste mit den benötigten Schuhgrößen liegen. Ein paar Mails danach stehen hier Plastiktüten mit Fußballschuhen, die der Mann gerade im Dosendorf abgegeben hat. Als er mich eben anrief, ist im Hintergrund schon das erste Tor gefallen, aber eigentlich wollte der Mann mir berichten, dass der Sportladen vor Ort zugesagt hat, alle Fußballschuhe, die noch fehlen, zu spenden. Allein dafür hat sich die ganze Sache schon gelohnt: um zu spüren, wie hilfsbereit die Leute sind.

Vielleicht können wir den Männern noch das Schwimmbad zeigen. Oder die Bücherei, wo ich durch einen Telefonanruf schon raus gefunden habe, dass Flüchtlinge dort 9 Monate lang kostenlos ausleihen können. Vielleicht macht's aber auch ein anderer und das ist auch ok. Jedenfalls haben wir sehr nette Menschen kennen gelernt und freuen uns auf das, was daraus entsteht.



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