Samstag, 16. April 2016

Die Löffeltheorie

Als ich letztes Wochenende nach Köln fuhr, war das auch eine Reise aus meinem Paralleluniversum heraus. Wie ich sonst so jeden Tag herumlebe, merke ich ja gar nicht mehr, dass mein Leben gar kein normales ist. Mit anderen Leben dort in Köln konfrontiert, wurde es plötzlich wieder sichtbar: ich habe einfach weniger Löffel als gesunde Menschen. 
Es gibt nämlich eine ganz wunderbare Theorie, die Spoon Theory, mit der eine an Lupus Erkrankte ihrer Freundin erklärt, wie es ist, krank zu sein. Es lohnt sich, den Artikel im Original zu lesen, aber für hier und jetzt fasse ich es euch kurz zusammen: die Analogie entstand im Café, da lagen Löffel, aber eben nur eine begrenzte Zahl. Um das Leben einer Kranken zu verstehen, muss man sich der begrenzten Anzahl der Löffel sehr bewusst sein. Für jeden Löffel kann man eine Aktivität einplanen und wenn die Löffel alle weg sind, aber der Tag noch nicht zu Ende, ist das ziemlich doof, weil der Kranke dann keine Energie mehr hat. Das passiert mir oft. Zum Glück habe ich diesen wundervollen Mann, der mich regelmäßig rettet, indem er den Abendessenstisch abräumt und die Kinder ins Bett bringt, während ich nur mehr platt rumliege. Wichtig zu wissen ist, dass jegliche Aktivität Löffel "kostet", also aufstehen (1Löffel), anziehen (1Löffel), Frühstück machen (1 Löffel). Schon drei Löffel weg, da hat der Tag kaum begonnen. 




In Köln haben wir vormittags diese wunderbare Buchhandlung besucht und dort endlich mal wieder den Alten Griesgram getroffen. Um eins fing ich an zu quengeln und durfte heim, um Mittagspause zu machen. Eigentlich wäre ich gerne noch zur Stadtbücherei gegangen, um zu gucken, ob Mrs. Bing fleißig arbeitet, aber ich war einfach platt. Später, viel später sind wir noch durch die Flora spaziert und haben ziemlich leckeres Eis gegessen. Auf dem Heimweg trafen wir mir bis dato unbekannte, sehr nette Verlagskollegen, die fragten, was wir heute noch so machten (sie waren noch auf einer Party eingeladen) und ich dachte nur so: wie? Ich hab doch heute schon zwei Sachen gemacht! Das reicht doch wohl! 
Viele aus meiner Umgebung wissen das erst mal nicht, wie wenig Energie ich habe, weil man es mir nicht ansieht - ich sehe nicht krank aus. Aber die Chemotherapie macht auf Jahre schlapp und ich kann nur vermuten, dass die Doppelbelastung mit der Schwangerschaft ihr Übriges tat. Genauso haut das per se anstrengende Leben mit Kleinkind zusätzlich rein. Das ist nicht schlimm. Ich lebe gut damit, nur wollte ich es euch mal erzählen.

P.S.: ein Hoch auf meine Gastgeberin, die mir immer Raum für Pausen eingeräumt, mich toll umsorgt hat und mir nie das Gefühl gab, ein bisschen langweilig zu sein mit meinem erhöhten Ruhebedürfnis <3

Kommentare:

  1. Sehr schöne Theorie. Muss ich mal ganz lesen. Erschwerend kommt noch dazu, dass man jeden Tag eine andere Anzahl an Löffeln vor sich hat. Und die Varianz hierbei ist leider enorm. Also bei mir ist das so. Jedoch muss ich sagen, dass sich diese mit der Zeit einpendelt, und zwar im Bereich von eher mehreren Löffeln :)

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    1. Das ist, was mir Mut macht: zu sehen, wie du wandern gehst oder im Garten arbeitest. Dann denke ich, das wird bei mir auch wieder...

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